Favoritensiege zum Jubiläum: Dessau überzeugt mit Weltklasse und Rekorden

von Felix Zilke

von Jane Sichting/leichtathletik.de

Noch vor der offiziellen Eröffnung gab es am Samstag in Dessau das erste Highlight: Im Vorlauf über 100 Meter feuerte Gina Lückenkemper (SCC Berlin) 10,98 Sekunden auf die Bahn. Damit war sie nicht nur schneller als bei ihrem Gold-Finale bei der Heim-EM 2022 in München, sondern blieb auch klar unter dem seit 2019 bestehenden Meetingrekord (11,19 sec). Diesen schnappte sich in 11,02 Sekunden allerdings vorerst die Luxemburgerin Patrizia van der Weken – denn mit 2,3 Metern pro Sekunde war der Rückenwind im Vorlauf von Gina Lückenkemper zu stark für reguläre Zeiten.

Im Finale sollte dann aber alles passen, und die in Clermont (USA) trainierende Doppel-Europameisterin demonstrierte bei absoluter Windstille in 11,04 Sekunden ihr in dieser Saison konstant hohes Niveau. Ein Alleingang war dies jedoch nicht, denn die „Sportlerin des Jahres 2022“ konnte sich erst auf der zweiten Streckenhälfte an der Luxemburgerin van der Weken (11,10 sec) vorbeischieben und das Rennen für sich entscheiden. Rang drei sicherte sich Khamica Bingham aus Kandada (11,25 sec), Sina Mayer (LAZ Zweibrücken) lief in 11,52 Sekunden als Sechste ins Ziel.

Bereits wenige Minuten nach dem Rennen kündigte Lückenkemper ihre Rückkehr nach Dessau an: „Optimal lief es nicht. Ich habe eben schon zu Patrizia gesagt, ich hätte nächstes Jahr gern eine Revanche. Denn ich wollte schon gern diesen Meetingrekord haben“, erklärte sie anschließend im MDR-Interview. Dass sie die 10,98 Sekunden mit zu viel Windunterstützung gelaufen ist, sei zwar schade, aber „ansonsten bin ich wirklich sehr zufrieden, es war ein sehr erfolgreiches Meeting für mich“.

Julian Wagner mit deutscher Jahresbestzeit

Nicht weniger hochklassig präsentierten sich auch die Männer über 100 Meter. Bereits in den Vorläufen purzelten die Rekorde: Während der DM-Zweite von 2022 Julian Wagner (LC Top Team Thüringen) seine persönliche Bestleistung (PB) auf 10,11 Sekunden verbesserte, blieb ihm Yannick Wolf (LG Stadtwerke München) dicht auf den Fersen und freute sich ebenfalls über eine neue PB (10,16 sec). Der Pole Dominik Kopec pulverisierte seine Bestzeit regelrecht und schrammte in 10,06 Sekunden nur eine Hundertstel am Meetingrekord vorbei. Im Finale konnte er diesen dann sogar noch egalisieren, für Wagner (10,23 sec) reichte es hinter Wolf (10,20 sec) nur für Rang drei.

„Das war schon mal ein richtiger Schritt in die richtige Richtung“, verriet der Erfurter anschließend dem MDR. Nachdem er mit Stationen in Paris (Frankreich), Turku (Finnland) und Dessau mehrere Rennen innerhalb von nur sieben Tagen hatte, „war es sehr ordentlich, mit 10,11 Sekunden im Vorlauf die deutsche Jahresbestzeit eingestellt zu haben – und auch die B-Norm für die WM“. Denn diese könnte ihm in Budapest (Ungarn; 19. bis 28. August) den Traum von einem Einzelstart ermöglichen. Bis dahin stehen noch die Team-EM mit der Staffel, ein Wettkampf in der Schweiz sowie die Deutschen Meisterschaften in Kassel (8./9. Juli) auf dem Plan.

Mihambo bleibt Seriensiegerin

Auch auf die Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin Makaika Mihambo (LG Kurpfalz) liegen die großen Saison-Höhepunkte noch in der Zukunft. Zwar reichte es in der Bauhausstadt noch nicht wieder für sieben Meter, wie bei ihrem Meetingrekord 2019 (7,05 m), doch konnte sie ihren Status als Seriensiegerin trotz starker Konkurrenz nur wenige Meter vor der Haupttribüne weiterhin für sich behaupten.

Im spannenden Weiten-Duell mit U23-Athletin Mikaelle Assani (SCL Baden-Baden), die in diesem Jahr schon 6,91 Meter weit gesprungen ist, war es am Ende einmal mehr Mihambo, die auf dem Treppchen ganz oben stand. Mit 6,66 Metern setzte sie sich knapp vor der Deutschen Hochschulmeisterin Assani (6,58 m) durch. Mit der Mehrkämpferin Lucie Kienast (Eintracht Frankfurt e.V.; 6,32 m) auf Rang drei war das deutsche Triple perfekt.

Dessau als Sprungbrett zu internationalen Erfolgen?

Dass Mihambo für den Sommer nicht nur diese Schnapszahl Glück bringen könnte, sondern auch der Sieg, haben bereits die vergangenen Jahre gezeigt – immer, wenn sie in Dessau gewonnen hatte, folgte ein internationaler Titel zum Saisonhöhepunkt. Ganz so weit möchte die 29-Jährige allerdings noch nicht denken: „Der dritte Weltmeistertitel würde mich sehr freuen, aber man muss erst mal kleine Brötchen backen und Schritt für Schritt gehen“, sagte sie am Mikrofon des MDR. Über WM-Gold „mache ich mir erst Gedanken, wenn der sechste Sprung von allen im Finale gesprungen ist.“

Über ihre Leistung am Samstag sagte sie: „Es war in Ordnung, aber ich weiß, da sind noch Reserven. Ich habe mir mit ein paar kleinen technischen Fehlern die Weite genommen. Es ist aber gut zu wissen, dass da noch ein bisschen mehr geht.“ Denn bisher war die Vorbereitung alles andere als optimal. Nach einem „sehr guten Trainingslager“ sei sie krank geworden, und das habe sie im Trainingsplan um drei bis vier Wochen zurückgeworfen.

US-Sieg bei den Stabartisten

Mit gleich zwei Sechs-Meter-Springern in der Startliste schien auch im Stabhochsprung der Meetingrekord (5,90 m) stark gefährdet. Ganz so hoch sollte es am Samstag jedoch nicht hinausgehen. Nach übersprungenen 5,75 Metern versuchte sich der spätere Sieger KC Lightfoot (USA) zwar noch einmal an 5,85 Metern, zog die Schuhe dann aber nach dem ersten Versuch aus und beendete seinen Wettkampf. Anfang Juni hatte er noch dem in Dessau zweitplatzierten Sam Kendricks (5,65 m) mit 6,07 Metern den amerikanischen Rekord abgenommen.

Für den EM-Zweiten von München Bo Kanda Lita Baehre (TSV Bayer 04 Leverkusen) blieb Rang drei (5,65 m), Vorjahressieger Oleg Zernikel (ASV Landau) verzichtete nach überquerten 5,45 Metern auf weitere Höhen.

Das Speerwerfen der Männer entschied der favorisierte Anderson Peters aus Granada für sich, wenngleich der 90-Meter-Werfer mit 81,18 Metern deutlich unter seinem Leistungsvermögen blieb. Dies gilt zwar auch für Olympiasieger und Europameister von 2018 Thomas Röhler (LC Jena), mit 78,23 Metern konnte dieser jedoch auf dem Weg zurück zu alter Stärke die beste Weite seit vier Jahren verbuchen.

Rasantes 400 Meter-Rennen

Als Favoritin führte die Polin Natalia Kaczmarek mit raumgreifenden Schritten das Feld über 400 Meter bis zum Eingang der Zielgeraden an, fiel kurz zurück und kämpfte sich schließlich wieder nach vorn. Am Ende standen für die Olympiasiegerin mit der 4x400 Meter-Staffel 51,02 Sekunden in der Ergebnisliste – gleichbedeutend mit einer Verbesserung des von ihr selbst gehaltenen Meetingrekords. In ebenfalls starken 51,29 Sekunden dicht dahinter lief Cynthia Bolingo aus Belgien ins Ziel, gefolgt von Landsfrau Hanne Claes (52,25 sec). Für Hannah Mergenthaler (MTG Mannheim) blieb am Ende Rang sechs (52,95 sec).

In der Männerkonkurrenz ging der Sieg nach Italien. In 45,87 Sekunden erwischte Edoardo Scotti den schnelleren der beiden Finalläufe und konnte sich in der Endabrechnung vor Jean Paul Bredau (SC Potsdam; 46,19 sec) und Patrick Sorm (46,22 sec) aus Tschechien positionieren. Der Sieg über 200 Meter der Frauen ging an Veronica Shanti Pereira (22,99 sec) aus Singapur. Das Finale über 800 Meter der Männer gewann Dennis Biederbick (Eintracht Frankfurt e.V.; 1:46,09 min), bei den Frauen lief Lucia Sturm (TSV Moselfeuer Lehmen; 2:04,20 min) als Erste ins Ziel.

Bebendorf bestätigt gute Form

In der ersten Laufentscheidung des Abends über 1.500 Meter wusste der Kenianer Kyumbe Munguti die guten Bedingungen in der Abendsonne von Dessau am besten für sich zu nutzen. Mit einer Siegerzeit von 3:34,02 Minuten stellte er einen neuen Meetingrekord auf. Bester Deutscher im Feld war Christoph Kessler (LG Region Karlsruhe) als Fünfter (3:39,64 min).

Karl Bebendorf (Dresdner SC 1898) konnte zwar über die Hindernisse nicht ganz an seine neue Bestzeit (8:20,43 min) anknüpfen, die er am Dienstag in Turku (Finnland) gelaufen war. Mit 8:25,42 Minuten zeigte er dennoch ein souveränes Rennen und musste sich nur dem  Kenianer Lawrence Kemboi (8:21,74 min) und Ala Zoghlami (8:22,92 min) aus Italien geschlagen geben. Eine neue Bestzeit gab es auf Platz fünf für EM-Teilnehmer Niklas Buchholz (LSC Höchstadt/Aisch), der sich auf 8:27,42 Minuten steigerte.

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