DLV mit Dessau Bild: Johannes Vetter "Leichtathlet des Jahres"

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In einer Online-Abstimmung wurde er im Dezember zu Deutschlands „Leichtathlet des Jahres“ 2021 gewählt. Der DLV berichtet und nimmt dabei ein Bild aus Dessau - aus Gründen!
 

Foto: Andreas Neuthe
 

Johannes Vetter: „So viel Motivation, so viel Selbstvertrauen, so viel Mut“

Quelle: Silke Bernhart (leichtathletik.de)

Johannes Vetter (LG Offenburg) hatte nach einer überragenden Saison, darunter sieben 90-Meter-Wettkämpfe und die Weltjahres-Bestweite von 96,29 Metern, die Gunst der Fans auf seiner Seite – trotz des verpassten Olympia-Triumphs: In einer Online-Abstimmung wurde er im Dezember zu Deutschlands „Leichtathlet des Jahres“ 2021 gewählt. Wir haben mit dem Speerwurf-Dominator über die Bedeutung dieser Auszeichnung gesprochen, über seine Entwicklung als Mensch und Athlet, über die Kunst der Resilienz und die ersten Würfe in 2022.

 

Johannes Vetter, 2020 wurden Sie von einer Jury für die wertvollste Leistung des Jahres ausgezeichnet. 2021 haben wieder die Fans entschieden – und Sie zu Deutschlands „Leichtathlet des Jahres“ gewählt. Herzlichen Glückwunsch! Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Johannes Vetter:

Ich war ein Stück weit überrascht, weil ich eher mit Jonathan Hilbert gerechnet hatte, nach seiner Olympia-Silbermedaille und sensationellen Performance in Tokio. Er hätte es definitiv verdient gehabt. Gerade in Olympia-Jahren gehe ich auch selbst davon aus, dass bei solchen Wahlen die Höhepunkte zählen. Für ihn ist es schade. Für mich ist es eine tolle Ehre, dass die Leichtathletik-Fans in Deutschland nach so einer Saison – mit sehr, sehr vielen Höhen und nur einem Tief – meine Dominanz im Speerwerfen gesehen haben, mit 96 Metern, dem drittweitesten Wurf der Geschichte. Das ist eine schöne Anerkennung.

 

Sie konnten die Publikumswahl bereits zum zweiten Mal für sich entscheiden – nach 2017, dem Jahr, in dem Sie zum 90-Meter-Werfer, Deutschen Rekordhalter und Weltmeister wurden. Wie hat sich der Mensch und Speerwerfer Johannes Vetter seitdem verändert?

Johannes Vetter:

Ich glaube, dafür bräuchte man fast ein separates Interview! Da ist so viel passiert in den letzten vier Jahren. Ich bin durch einige Tiefen gegangen. Sportlich mit Verletzungen. Und emotional, mit dem Tod meiner Mutter. Da sind ganz viele Sachen auf mich eingeprasselt. Die aber auch zu einem ganz anderen Selbstverständnis geführt haben, was meine sportliche Leistungsfähigkeit und meine Mentalität betrifft.

Ich bin viel ausgeglichener geworden, ich habe eine Balance gefunden zwischen Privatleben und Sport. Ich habe ein tolles Umfeld, ein tolles Team um mich herum und mit Boris Obergföll einen Top-Trainer an der Spitze des Teams. So kann ich gewisse Dinge mittlerweile anders angehen. Das gibt mir auch eine enorme Stärke und ein gesundes Selbstvertrauen. Und ich habe den Fokus im Sport anders gesetzt: Ich gehe nicht in Wettkämpfe rein, um andere zu schlagen, sondern ich orientiere mich an meinem eigenen Leistungspotenzial.

 

Sie haben in den vergangenen zwei Jahren den Eindruck erweckt, als könnten Sie die Umstände der Corona-Pandemie überhaupt nicht beirren. Gemeinhin wird das auch als Resilienz bezeichnet. Haben Sie Tipps für all diejenigen, denen das in Zeiten wie diesen schwerfällt?

Johannes Vetter:

Da kommen mehrere Aspekte zusammen, die ich schwer auf einen Punkt runterbrechen kann. Mich haben die Täler geprägt und gestärkt, die ich sportlich und emotional durchleben musste. Mit äußeren Umständen – sei es Covid-19, seien es abgesagte Wettkämpfe – gehe ich ganz anders um. Ich versuche einfach, meinem Kurs treu zu bleiben, weil ich weiß, dass ich schon weitaus Schlimmeres überstanden habe.

Außerdem habe ich einen immensen Spaß ins Training zu gehen! Das läuft einfach super, da ist so viel Motivation, so viel Selbstvertrauen, so viel Mut, die letzten Prozente rauszukitzeln. Daher komme ich gar nicht auf die Idee, mal eine Pause reinzuschieben oder in ein emotionales Loch zu fallen.

 

Mit der Erfahrung, dass dieser Weg erfolgreich ist, fällt es vermutlich auch leichter, ihn weiter zu gehen…

Johannes Vetter:

Ja – und zugleich fällt es umso leichter neue Wege zu gehen, je mehr du deine eigenen Grenzen verschiebst und Selbstvertrauen gewinnst.

 

Lassen Sie uns den Fokus auf das neue Leichtathletik-Jahr 2022 richten. Wie hat es für Sie begonnen?

Johannes Vetter:

Am 31. Dezember habe ich noch trainiert, vormittags. Und hatte dann einen sehr entspannten Abend im kleinen Kreis, mit gutem Essen und ein paar gekühlten Getränken. Am Wochenende hatte ich frei und bin seit dem 3. Januar wieder ganz normal im Training. Das wird jetzt so durchlaufen in der Hoffnung, dass die Lage es irgendwann hergibt, dass wir auch mal wieder ins Trainingslager fahren können. Ich komme aber auch gut zuhause klar, das war in den letzten Jahren auch der Fall.

 

Der Muskelfaserriss, den Sie sich kurz vor Weihnachten zugezogen haben, beeinträchtigt Sie gar nicht mehr?

Johannes Vetter:

Das Tolle ist, dass ich drei Wochen danach schon wieder sehr viel machen kann. Auch schon Würfe aus der Bewegung. Da bin ich echt begeistert – von meinem Körper, wie der das wegsteckt, aber auch von meinem Team, Ärzten, Osteopathen, Physiotherapeuten... So schnell war ich schon lange nicht mehr wieder so bewegungsfähig! Aber ich tue auch daheim viel für die Regeneration des Beinbeugers.

 

Kribbelt es denn schon wieder, wenn Sie an die ersten Würfe des Jahres denken? Wann nehmen Sie den Speer wieder in die Hand?

Johannes Vetter:

Den Speer hatte ich bisher noch gar nicht in der Hand, aber wir werfen fleißig Kugeln. Die Würfe sind schon sehr vielversprechend. So, wie ich im Sommer aufgehört habe, fühlt es sich schon wieder an. Jeder Muskel weiß noch immer, was er zu tun hat. Das macht einfach Spaß. Und das Kribbeln hebe ich mir auf. Das hängt von der Tagesform ab: Wenn das Wetter stimmt, dann werfe ich vielleicht mal ein paar Speere. Aber wir haben uns bewusst für einen langen Aufbau entschieden und ich liebäugele auch eigentlich erst einmal nicht mit einem Wettkampf im Winter. Ich lasse mir aber alles offen und mache das aus dem Bauch heraus.

 

2021 haben Sie fast 20 Wettkämpfe bestritten – teils mehrere in einer Woche. Dürfen sich die Fans auch im Jahr 2022 wieder auf viele Auftritte von Ihnen freuen?

Johannes Vetter:

Auf alle Fälle. Ich ziehe meine Performance eher aus den Wettkämpfen als aus dem Training, besonders im Hochleistungsbereich von 90+ Metern. Das möchte ich in diesem Jahr fortsetzen, mit einer größeren Anzahl von Wettkämpfen. Wo die genau stattfinden, kann ich noch schwer sagen. Wir haben das schon immer spontan entscheiden können, weil wir so trainieren, dass ich zu einem gewissen Zeitpunkt ein gewisses Leistungsniveau habe. Daher mache ich mir darüber jetzt noch keine allzu großen Gedanken.

 

Im Fokus stehen die internationalen Höhepunkte mit der WM in Eugene und der EM in München. In einem FAZ-Interview haben Sie vor Kurzem die Sorge geäußert, dass sich dort das Dilemma von Tokio mit einem zu weichen Belag der Anlauf-Bahn wiederholen könnte. Wie sehr beschäftigt Sie dieses Thema im Alltag?

Johannes Vetter:

Eigentlich möchte ich es gar nicht immer in den Vordergrund rücken. Aber ich habe natürlich keine Lust, noch mal so auf die Nase zu fallen wie in Tokio. Daher investieren wir – besonders Boris – schon viel Energie in Gespräche mit den Verantwortlichen. Schlussendlich müssen ja alle daran interessiert sein, die Athleten gesund wieder nach Hause zu bringen. An meiner Technik möchte ich ungern etwas verändern. Schließlich habe ich das Ziel, damit irgendwann mal über 100 Meter zu werfen. Das klappt nur, wenn man das Stemmbein ohne Rutschen auf einen stabilen Untergrund stellen kann. Diese Würfe würde ich gerne auch mal bei einem Großereignis zeigen – ich denke, das ist im Sinner aller.

 

Weit entfernt sind die 100 Meter nicht mehr. Ihre Bestleistung aus dem Jahr 2020 steht bei 97,76 Metern. Was muss denn passieren für einen Wurf, bei dem der Speer über diese Marke segelt?

Johannes Vetter:

Eine konkrete Vorstellung von einem 100-Meter-Wurf habe ich nicht. Aber ich habe mich sehr, sehr geärgert, dass ich letztes Jahr bei der Team-EM nach den 96 Metern von einem kleinen Muskelfaserriss im Adduktor ausgebremst wurde. Da war ich in einem sehr guten Flow. Ich hatte letztes Jahr Würfe, von denen ich nicht dachte, dass sie so weit fliegen – sie gingen einfach so leicht von der Hand, gerade die 94 Meter in Ostrava. Ich glaube, es ist einfach eine Frage der Zeit und der Geduld. Dass ich einen Wettkampf erwische, in dem mal alles passt. Das hat dann auch immer ein bisschen mit Glück zu tun. Ich fahre immer gut damit, gar nicht zu sehr daran zu denken und einfach in den Wettkampf reinzugehen und zu schauen, was an dem Tag geht. Entweder es soll dann so sein – oder eben nicht.

 

 
 

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