Von einem Dessauer, der auszog...

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Tobias Schneider in seinem neuen zweiten Wohnzimmer - dem Steigerwaldstadion in Erfurt (Foto: privat)

Die Hallen-Europameisterschaft ist vorbei. Endlich Zeit mal ein wenig durchzuschnaufen für Tobias Schneider. Der Dessauer schaute nämlich ganz gespannt nach Torun in Polen. Als Trainer beim Thüringer Leichtathletik Verband war der 22-Jährige Julian Wagner aus Schneiders Trainingsgruppe über die 60m dabei. Auch Julian Reus, der schnellste Mann Deutschlands, gehört in sein Sprintteam. Tobias Schneider war selber Leichtathlet. Beim 1. LAC Dessau fing alles an. Nach dem Abitur verschlug es ihn zum Grundwehrdienst zum SC Potsdam. In dieser Zeit entwickelte sich aus dem Kurzsprinter ein 400-Meter-Läufer. Für den ganz großen Sprung reichte es nicht. 2010 waren die Deutschen Meisterschaften in Braunschweig seine letzten als Einzelsportler.
 
Der Leichtathletik blieb er weiterhin treu – aus dem Einzelsportler wurde der Guide Tobias Schneider. Er sollte einen sehbehinderten Athleten als Läufer über 400 Meter begleiten. Nur zwei Monate nach Braunschweig stand er beim ISTAF in Berlin auf der Bahn. Sportlich erfüllte sich der Olympia-Traum, ein Start bei den Paralympics in London. WM-Silber bei den Weltmeisterschaften 2013 und der EM-Titel 2014 krönten diesen etwas anderen Weg. Nach der Para-WM 2015 in Doha verabschiedete sich Tobias Schneider als Aktiver von der Leichtathletikbühne. Er kehrte jedoch schnell auf diese zurück. Seit 2015 ist der 36-Jährige studierte Sportwissenschaftler festes Vorstandsmitglied von Anhalt Sport e.V. und hat den Prozess der Vereinsgründung hautnah erlebt. Wir sprachen mit Tobias Schneider über seine Ziele, seine Heimat, seine Leidenschaft, seine Träume, wie er von all dem Stress herunterkommt und entspannt.

 

Hallo Tobias, wenn du nicht in der Leichtathletik gelandet wärst, in welcher Sportart dann – und wieso?

Tobias: "Ich hätte eigentlich in meiner Kindheit ganz gern Eishockey oder im Ski Nordisch Bereich Interesse gehabt, leider sind das alles Sportarten, die durch meine geografische Heimat Dessau nicht durchführbar waren. Generell wäre ich auch gern ein Sportler im Wintersport gewesen."

Du hast als Sprinttrainer in bisher 3,5 Jahren einen steilen Weg hingelegt, bist Trainer von Deutschlands schnellstem Mann Julian Reus. Hast nun deinen ganz jungen Athleten Julian Wagner zur Vize-Deutschen Hallen-Meisterschaft 2021 und zur Hallen-EM 2021 geführt. Wohin soll dieser Weg weiterführen? Was sind deine persönlichen Ziele in naher und ferner Zukunft – sowohl sportlich als auch privat?

Tobias: "Ich bin dankbar für diese Arbeit mit diesen tollen Athleten. Natürlich hat mein Vorgänger Gerhard Jäger jahrelang erfolgreich diese Trainingsgruppe in Erfurt geprägt. Ich bin da in große Fußstapfen getreten, wo es gilt die Athleten weiterzuentwickeln. Natürlich träumt man auch als Sprinttrainer von der magischen 10 Sekunden bzw. 11 Sekunden Schallmauer, aber das ist viel Arbeit, ein wenig Glück und man benötigt auch den richtigen Athleten oder die richtige Athletin für diese Zeiten. Insofern ist es immer eins meiner sportlichen Ziele Athleten zu entwickeln, die die deutsche Spitze mitprägen. Außerdem habe ich sportlich das Ziel einen Athleten oder eine Athletin zu den Olympischen Spielen nach Los Angeles 2028 zu bringen und dort auch mit live dabei zu sein. Privat schauen wir mal (lacht), wohin die Reise geht, im Moment fühle ich mich in Thüringen sehr wohl und bin glücklich."

Du hast deinen Lebensmittelpunkt nach Erfurt verlegt. Gibt es trotzdem etwas, das dir an Dessau fehlt? Und was gefällt dir so gut in Erfurt?

Tobias: "Am meisten fehlt mir meine Familie, die ich leider nicht mehr so häufig sehe wie, als ich in Dessau gelebt habe. Auch das Bauhaus Dessau mit seinem schönen Flair fehlt mir, dort saß ich immer gern im Café. Generell bin ich ein Fan der Bauhauskultur, sodass ich auch des Öfteren in Weimar bin. Aber auch das Paul-Greifzu-Stadion Dessau fehlt mir, dieser Ort hat mich lange geprägt und ich komme immer wieder gern in dieses schöne Stadion, was es gilt zu erhalten. An Erfurt gefällt mir in erster Linie, dass es ein aktives Stadtleben gibt mit vielen Möglichkeiten der gastronomischen Einkehr. Aber am meisten mag ich natürlich den Thüringer Wald, in dem ich sehr häufig unterwegs bin. Wandern ist eben niemals Alltag, sondern macht den Kopf frei für das, was wirklich zählt im Leben und für neue Horizonte."


Du warst bei der Vereinsgründung von Anhalt Sport e.V. aktiv dabei und hast den Verein hauptamtlich in den ersten zwei Jahren mitgeprägt. Wie kam es dazu – und was hast du in diesen zwei Jahren mitgenommen?
Tobias: "Ohne Ralph Hirsch würde es Anhalt Sport e.V. und die sportlichen Events seit über 20 Jahren in Dessau-Roßlau nicht geben, das ist Fakt. Wir haben uns damals gefunden und waren überzeugt von der Idee, dass so die sportlichen Events in der Region Anhalt eine Zukunft haben können. Mit viel Fleiß, Ideen und auch Verrücktheit haben wir es geschafft den Verein zu etablieren und somit die sportlichen Events ins 21. Jahrhundert zu führen. Ich bin sehr dankbar für die damaligen zwei Jahre, in denen ich viel gelernt habe, zum Beispiel: wie man Probleme angeht und sie löst, wie man aus einer Idee Wirklichkeit werden lässt und wie man auch im beschaulichen Dessau Weltstars begrüßen kann."

Im Oktober 2017 hast du dich entschieden, etwas Anderes machen zu wollen. Wie und warum kam es dazu?

Tobias: "Das war eine Entscheidung des Herzens. Ich habe den Leistungssport vermisst und wollte wieder im Stadion stehen und junge Menschen anleiten zu sportlichen Erfolgen."

Dennoch bist du als Vorstandsmitglied immer noch ein wichtiger Teil von Anhalt Sport e.V. Warum bist du dabeigeblieben?
Tobias: "Gern unterstütze ich ehrenamtlich diesen Weg, den wir vor fünf Jahren begonnen haben weiter. Ideen werden immer gebraucht und Arbeit im Hintergrund muss genauso gemacht werden, damit der Verein weiter Wirken kann."

Wie schaffst du es dein Privatleben, deinen Beruf als Trainer, das Arbeiten mit deinen Sportlern, das Dasein für diese auch als Freund sowie die Vorstandsaufgaben bei Anhalt Sport e.V. unter einen Hut zu bringen?
Tobias: "Mit guter Organisation, einer gewissen Struktur im Tagesablauf und man muss auch einmal Nein sagen können (lacht)."

Wie hast du die Entwicklung des Vereins Anhalt Sport e.V. in den letzten 5 Jahren wahrgenommen? Wie erträumst du dir die Entwicklung in Zukunft?

Tobias: "Sehr positiv, da wir es geschafft haben einen Nachfolger für mich zu finden, uns als kleiner Sportverein etabliert haben und durchaus bekannter geworden sind. Ich würde es toll finden, wenn die Arbeit des Vereins weiterhin eine gute Akzeptanz in der Stadt Dessau-Roßlau finden würde sowie, dass wir weiterhin unsere Idee die wir noch haben in die Tat umsetzen können. Dazu sind aber auch viele enge und gute Partner notwendig, wo ich hoffe, dass Sie uns weiterhin so tatkräftig unterstützen, wie Sie es bisher gemacht haben."


Was war dein schönstes Erlebnis bzw. deine schönste Veranstaltung, das bzw. die du in deiner Zeit bei Anhalt Sport e.V. erlebt hast?
Tobias: "Ich denke das war das 20. Jubiläumsmeeting Anhalt 2018 am 8. Juni 2018. Da ich selbst als aktiver Leichtathlet 2004, 2005, 2007 und 2008 dort mit gesprintet bin, ist diese Veranstaltung immer mein persönliches Highlight."

Welchen Star würdest du gern unbedingt beim Anhalt Meeting am 21. Mai 2021, sofern es an diesem Datum stattfindet, in Dessau sehen und begrüßen?
Tobias: "Gern würde ich den 400m Hürden Weltmeister Karsten Warholm in Dessau persönlich begrüßen wollen."

Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg für dich sowie alles Gute und bleib gesund!

Tobias Schneider beim ISTAF im Berliner Olympiastadion (links) und bei den Paralympischen Spielen als Guide von Matthias Schröder in London. (Fotos: privat)

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